Archiv für November 2011

Occupy

Wir möchte an dieser Stelle den Text eines Flyers dokumentieren, welchen wir am 11. 11. bei den Occupy- Protesten verteilt haben:

Wir sind alle Kapitalismus!
eine Kritik an der Occupy- Bewegung

Seitdem am 17. September erstmals ca. 1000 Menschen in New York unter dem Motto „occupy wallstreet!“ auf die Straße gegangen sind, hat sich hieraus eine Bewegung entwickelt, welche weltweit agiert und bisher eine große Zahl an Menschen mobilisieren konnte. Dies mag den meisten erst einmal als gut erscheinen, und auch Forderungen wie jene nach „echter Demokratie“ oder nach „Wohl und Glück für die Menschheit“ wirken auf den ersten Blick auch gar nicht so schlecht.
Dahinter verbirgt sich aber ein Verständnis der derzeitigen Weltgeschehnisse, welches zum Teil alles andere als cool ist.

Ein falsches Bewusstsein
Die meisten Forderungen der occupy- Bewegung richten sich gegen Bänker und Manager, eben gegen die „1%“, welche angeblich für alle oder die meisten Übel der Welt verantwortlich sind.
Aber genau hier liegt das Problem: der Kapitalismus, also das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem in welchem wir uns gerade befinden, wird auf einen Teil dieses Systems „heruntergebrochen“ und nur dieser Teil wird als negativ angesehen. Dabei ist es der Kapitalismus als Ganzes, welcher für die oben angesprochenen Übel verantwortlich ist. Dieser Kapitalismus ist ein System, in dem alles zur Ware wird und Profitmaximierung oberste Handlungsgrundlage darstellt. Nach der Logik des Kapitalismus handeln nun aber nicht nur Banken oder deren „Bänker“, sondern auch alle anderen Menschen, die in diesem System leben, da ein Ausbrechen aus der kapitalistischen Verwertungslogik ohne eine komplette Umwälzung der Gesellschaft nicht möglich ist. Parolen wie „die Gier ist das Problem“ zeigen aber, dass viele Akteure der Occupy- Bewegung eben gerade nicht verstanden haben, was den Kapitalismus ausmacht. Denn es ist eben nicht die „Gier“, welche Bänker und Manager zu ihren Handlungen veranlasst, sondern schlicht der Zwang, sich im Kapitalismus zu verwerten und sich gegen Konkurrenten zu behaupten.

Gefährliche Verkürzung

Solch ein Verständnis der Gesellschaft ist aber nicht nur zu kurz gegriffen und bewirkt langfristig allerhöchstens eine Reformierung des Kapitalismus, es kann auch sehr gefährlich werden. Denn wenn einzelne Personen oder Personengruppen als Schuldige des Kapitalismus ausgemacht werden, wird hiermit in „guten Kapitalismus“ und „schlechten Kapitalismus“ unterschieden. Das eigene Elend wird auf einige wenige Menschen projeziert, die nur beseitigt werden müssten um die Welt zum guten zu Wandeln. Diese Unterscheidung aber ist in ihrem Denkmuster dem des Antisemitismus sehr ähnlich und erinnert an die Unterscheidung der Nationalsozialisten in „schaffendes“ und „raffendes“ Kapital. Das soll nun nicht heißen, dass alle Teilnehmer_innen der occupy Proteste Antisemit_innen sind, aber der Weg von der oben genannten Personalisierung des Kapitalismus hin zu Antisemitismus ist kein weiter. Dies zeigen auch einige Ausfälle der Occupy- Proteste, wie Schilder und Transparente mit den Aufschriften: „Humanity vs. the Rothschilds“, „Its Yom Kippur – banks should atone“ und „Google: Wall Street Jews“

Was also tun?

Wir können nur daran apellieren, sich zu bilden und sich mit den Gesetzen des Kapitalismus auseinanderzusetzen. Eine grundlegende Kritik an Staat, Nation und Kapital sollte unserer Meinung nach vor einer Aktion stehen- und nicht umgekehrt. Blinder Aktionismus ist nicht nur wenig gewinnbringend, er kann auch echt gefährlich werden.